Womit die Reise beginnt

Der erste Schritt in die wirkliche Freiheit.

Nein, sie beginnt nicht mit dem Ziel. Das ist noch lange nicht in Sicht. Sondern mit einer, oft sehr, sehr leisen Unzufriedenheit, einem nagenden Zweifel. Ein Gedanke wie: ‚Das kann es doch nicht gewesen sein!‘ Eine innere Stimme, die leise anklopft. Manchmal dann auch heftiger. Da fällt mir immer dieses wunderbare Zitat ein:

Körper und Seele eines Menschen sitzen einträchtig nebeneinander und unterhalten sich über ihren Menschen. ‚Ach weist du, sagt die Seele bekümmert, ‚der Mensch hört gar nicht mehr auf mich!‘ ‚Mach dir mal keinen Kopf,‘ beruhigt sie da der Körper, ‚lass mich mal machen. Der wird schon noch auf dich hören, glaub mir!‘

Manchmal brauchen wir eine Krankheit, dass wir uns fragen, was wir da eigentlich machen. Oder es ist das bewusste Gefühl, gescheitert zu sein, bevor wir an diesen Punkt der inneren Unzufriedenheit kommen, der uns fragend und an uns zweifelnd zurücklässt. Denn es ist genau dieser Zweifel, der uns den Blick heben lässt von dem gesellschaftlich vorgegebenen Weg, auf dem wir uns  meist befinden, und der uns – hoffentlich – bereit sein lässt, existenzielle Fragen zu stellen. Aber vor den Fragen kommt erst der Zweifel, der Zweifel an sich selbst.

Manche haben das Glück und der Zweifel kommt schon früh mit dem (sogenannten) Erwachsenwerden, andere brauchen dafür ein wenig länger. Und manche unterbrechen diesen Weg auch, weil sie Kinder bekommen und auf einmal alles irgendwie einen anderen Stellenwert bekommt und finden dann nur schwer wieder zurück. Was aber gar nicht sein müsste. Die Kinder wären garantiert besser dran, wenn die Eltern ihren Weg nicht aus dem Blick verlieren würden.

Solange dieses Fragezeichen aber nicht im Kopf ist, solange hilft auch alles Zureden nichts. Was auch nicht bereit macht für die Wirklichkeit, das ist, die Verantwortung für die eigene Misere, in der man sich fühlt, anderen zu geben. Wie heißt es doch so schön? ‚Wenn das Wörtchen wenn nicht wär …‘ Ja, es beginnt damit, niemanden anderen für das eigene Leben verantwortlich zu machen. Wirklich niemanden.

Damit fängt die Reise in die Freiheit an. Denn es ist eine längere Reise. Und umsonst kommt man auch nicht an das Ziel. Aber all das, was es jetzt noch zu sagen gibt, all das hört nur der, der den erste Schritt schon getan hat. Zweifel. An sich selbst. Harald Lesch hat dazu zwei interessante Videos gemacht. Vielleicht schauen Sie einmal rein? Warum wir unsere politische Meinung (fast) nie ändern  und Warum ignorieren wir Fakten?

Der Zweifel alleine macht es noch nicht. Es wird erst dann ein Schritt in die richtige Richtung, wenn man niemand anderem als sich selbst die Verantwortung für das eigene Leben gibt. Wir sollten stolz auf uns sein, wenn wir sagen können: ‚Ich habe ein Problem! Mit mir! Mit niemandem sonst!‘ Dazu braucht es nämlich Mut, Kraft und Überwindung.

Das ist die wirkliche Hürde. Der Rest ist ziemlich einfach. Wir haben nämlich keinen an der Waffel, sondern es sind unsere biologischen Mitbringsel, die uns Knüppel zwischen die Beine werfen. Aber man darf das nicht verharmlosen. Der wirkliche Feind ist definitiv in uns. Aber es ist nur solange ein Feind, solange wir ihn ignorieren. Wenn wir es ignorieren, leiden wir an uns selbst. Wenn wir es aber nicht (mehr) ignorieren, dann ist das der Weg in die Freiheit.

Wie gesagt, es  ist ziemlich einfach. Stellen Sie sich vor, sie haben einen Haufen Balken vor sich liegen und Sie wollen daraus ein schickes Haus bauen. Die Balken sind sehr leicht und es ist absolut nicht schwer, sie zusammenzufügen. Das Einzige, was Sie brauchen, ist ein guter Bauplan, Ordnungssinn, Disziplin und Beharrlichkeit.

Ordnungssinn, Disziplin und Beharrlichkeit müssen Sie selbst mitbringen. Den Bauplan bekommen Sie gestellt. Das sagen uns (für viele erstaunlich) mittlerweile die Wissenschaftler. Wovon ich rede? Na, von dem notwendigen Umbau Ihres Gehirns! Doch was ist der Bauplan?

Wir können die neuronale Plastizität unsers Gehirns überhaupt nur dann nutzen, wenn wir ganz genau wissen, wo die Reise hingehen soll. Und begeistern muss es uns auch, sonst fangen wir erst gar nicht an! Sich das selbst auszudenken ist schwierig, denn dann rühren wir ja immer noch nur im eigenen Saft und drehen uns im Kreis.

Doch wir sind autopoietische Wesen. Also nicht von außen beeinflussbar. Ob wir das gut finden oder nicht, es ist nun einmal so. Heißt, wir müssen selbst verifizieren, ob das, was wir vorhaben, richtig für uns ist. Also nichts glauben, nur weil es ein Weiser oder sonst jemand so gemacht hat. Das ist ja das Spannende am Gehirn, dass es Dinge reflektieren kann, die es selber noch nicht selbstständig abrufen kann. Und das können wir nutzen!

Es beginnt damit, dass wir als Erstes die grundlegenden Prinzipien ergründen. Das haben andere schon für uns getan und in der Philosophia perennis festgehalten. Jetzt nehmen wir die Autobahn, wie Allan Watts es einmal ausgedrückt hat und fahren direkt auf den Gipfel – indem wir verifizieren, ob das stimmt. Aber Zen ist nicht das normale Leben. Das kann man leicht erkennen, schaut man sich einen Film über ein Zen-Kloster an. Keine Schreibtische, keine Computer, keine moderne Wirtschaft, nichts von alle dem.

Wie also bekommen wir das zusammen? Die alten Ritter wie die Samurai haben das schon einmal vorgemacht. Sie erkannten nämlich, dass ihr Job einfach nur destruktiv war und keinen Sinn beinhaltet. Im Gegenteil. Aber einfach den Job hinschmeißen ging auch nicht, dann wären sie selbst die Leidtragenden geworden. Also verbanden sie das Angenehme mit dem Nützlichen. Sie integrierten Zen in ihr ganz normales Leben. Budō nennt man das. Sie machten aus ihrem Alltagsjob eine Zen-Kunst. Wie die Ritter des Mittelalters. Da war es die Mystik, die sie mit ihrem alltäglichen Leben verbanden.

Praktiziert heute jemand Budō, stehen leider nicht Zen und der Alltag im Vordergrund, sondern eben die Kampfkunst. Und genau das ist das Problem, wenn man von der Kultur der Samurai spricht. Alles sehen die Schwerter und das Kriegsgetümmel, vergessen aber, dass das der ganz normale Alltag war. Obwohl der sich heutzutage nicht viel anders darstellt. Nur die Waffen sind andere geworden. Aber das Vokabular ist geblieben. Und mit ihm das Denken. Und genau das gilt es zu ändern.

Also man nehme die Gedanken und Prinzipien des Zen oder der Mystik und integriere das in seinen Alltag. Das soll alles sein? Ja, das ist alles! Nehmen Sie die Prinzipien der Philosophia perennis, dazu die Ethik der Samurai oder der Ritter und erfüllen Sie das mit Leben. So einfach ist das. Und so schwer. Es kostet nämlich Selbstüberwindung, so zu sein. Denn wir sind immer nur das, was wir genau jetzt sind. Und genau das gilt es zu erkennen.

Das ist unsere Freiheit und nichts anderes! Es ist die Freiheit, zu sein!

Fragen zum Text?