Wir leben in der Inflation der Begriffe

Und das sollte uns wirklich beunruhigen.

Kürzlich las ich die Werbung eines Change-Managers. Also dann, dann changen wir mal. Aber geht das überhaupt? Unter Veränderungsmanagement, so Wikipedia, lassen sich alle Aufgaben, Maßnahmen und Tätigkeiten zusammenfassen, die eine umfassende, bereichsübergreifende und inhaltlich weitreichende Veränderung – zur Umsetzung neuer Strategien, Strukturen, Systeme, Prozesse oder Verhaltensweisen – in einer Organisation bewirken sollen.

Ich sage dazu Kulturwechsel. Wenn ich eins von dem hinbekomme – neue Strategien, Strukturen, Systeme, Prozesse oder Verhaltensweisen – dann ist das ein Kulturwechsel. Und ein Kulturwechsel geht an´s Eingemachte. Also an die inneren Überzeugungen. Und die gibt man nicht so leicht auf. Wirklich nicht. Das ist das Eine.

Das Andere ist, dass ich immer öfter das Gefühl habe, ständig nachfragen zu sollen oder zu müssen, wenn jemand etwas sagt. Doch wie soll ich mich über so etwas wie Geist ernsthaft unterhalten können, wenn jeder etwas anderes darunter versteht? Oder über Change?

Ich war ja mal Rechtsanwalt. Da begreift man, dass ‚Recht‘ nur eine Vereinbarung ist, ein gesellschaftliches Komittment, auf das man sich verständigt hat und an das sich einige halten und andere nicht. Doch warum regen sich manche dann so auf, wenn sie nicht Recht bekommen? Einfach deshalb, weil sie das Recht als etwas real Existierendes ansehen. Was es aber nicht ist. Also, ich habe das Recht noch nie um die Ecke laufen sehen.

Oder ein Unternehmen. Da lässt sich leicht über einen Change im Unternehmen reden. Doch redet man darüber, dass ein einzelner Mensch seine Kultur aufgeben soll, also sein inneres Wertesystem neu ausrichten soll, dann weiß jeder, dass das ein ordentliches Stück Arbeit sein wird. Und meist ein sinnloses Unterfangen.

Und genau deswegen haben wir das Prinzip Bier ist Bier und Schnaps ist Schnaps in Unternehmen zur absoluten Perfektion gebracht. Früh lassen die Mitarbeiter ihr Wertesystem im Köfferchen an der Eingangstür stehen, um es Abends wieder mit nach Hause zu nehmen. Und dann arbeiten sie wertfrei, unbelastet von irgendwelchen Überzeugungen.

Wen wundert es da noch, dass immer mehr Menschen im Straßenverkehr auf Regeln pfeifen? Also ich habe ja auch etwas dagegen, wenn mir einer sagt, was ich machen soll, wenn ich es nicht machen will. Doch das heißt nicht, dass ich einfach mache, was ich will. Also steht eine Klärung an. Was auch sonst?

Und vor allem, erstaunt es dann, dass die meisten Menschen nur noch Dienst nach Vorschrift machen, wie uns der Gallup-Index Jahr für Jahr berichtet? Und das schon über Jahre? Und alle wissen es, also definitiv viele, aber kaum einer macht sich Gedanken darüber?

Wirtschaft und damit Arbeit hat für die meisten Menschen einen hohen Stellenwert. Der ist oft so hoch, dass vieles sich dem unterordnet. Und genau deswegen sollten wir da einmal genauer hinschauen. Darin sehe ich nämlich den Grund, dass wir Begriffe so beliebig gebrauchen. Man meint nicht mehr wirklich, was man sagt. Und irgendwann ist es einem egal, was man sagt. Und noch ein bisschen später ist es einem egal, was man denkt und meint.

Die Inflation der Begriffe ist ein Symptom für die Inflation der Überzeugungen. Und ja, das sollte uns beunruhigen.

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