Wer, wenn nicht ich?

Missstände, wohin man schaut. Aber wer kann etwas tun?

Nun, man kann weidlich über die Strukturen klagen. Mit organisatorischen Hürdenläufen vergleichbar, was es da so gibt. Aberwitzig. Eigentlich nicht vorstellbar. Aber warum funktioniert es überhaupt? Ganz einfach: Weil alle es mitmachen. Es wäre eigentlich ganz einfach. Wer merkt, dass etwas kontraproduktiv ist, was er eigentlich tun müsste, hebe die Hand und bewege keinen Finger mehr. So wie in einem nach Kaizen-Prinzipien geführten Unternehmen. Bemerkt da einer, dass etwas nicht funktioniert, zieht er an der gelben Leine – und alles steht still. Weiter geht es erst, wenn das Problem gelöst ist.

Hätte ich Verantwortung in einem Unternehmen oder einer Behörde, ich würde versuchen, so vorzugehen. Mit dem klaren Ziel, ideale Strukturen zu schaffen. Und eben nicht im Vorhinein alles durch zu planen, sondern das Ganze selbstorganisatorisch wachsen zu lassen. Vielleicht das größte Problem, darauf zu vertrauen, dass es schon klappen wird.  Doch was bräuchte es dazu? Eine Chefetage mit dem Wissen um Selbstorganisation und den Mut (oder das Selbstvertrauen), das auch zu realisieren. Das wäre die ideale Lösung. Und was, wenn es die nicht gibt? Ja, was dann? Entweder man jammert und klagt, oder macht weiter wie immer. Man hat ja nichts zu sagen. Oder man geht, sucht sich einen anderen Job. Was sich wohl nicht jeder einfach so leisten kann. Nur was dann?

Genau darum geht es. Alle wissen, dass es nicht funktioniert. Was, wenn die  Anordnungen der Chefs trotzdem anders lauten? Ein typisches Gefangenen-Dilemmata. Richtig wäre, alle sagen Nein zu dem Falschen. Und das Problem wäre gelöst.  Wenn das nur immanente Dilemmata nicht wäre. Also, was tun angesichts dessen? Und genau deswegen bleibt es wie es ist. Vorsichtshalber tut nämlich keiner was. Zumindest nicht das, was richtig wäre zu tun. Bei dem Gefangenendilemmata stehen zwei (schuldige) räumlich getrennte Untersuchungshäftlinge vor der Wahl zu leugnen oder zu gestehen. Für den Einzelnen ist es am sichersten, zu gestehen, beidseitiges Leugnen aber verspricht das beste Gesamtergebnis.

Also man muss sich sicher sein, dass einem keiner in den Rücken fällt. Und ist das nicht gewährleistet – wie auch? -, dann lässt man es eben. Warum? Kein Vertrauen. Zu wenig Ehrlichkeit. Fehlende Offenheit. Und so weiter und so fort. Und exakt das ist das wirkliche Problem. Denn es ist immer nur man selbst, der etwas tun kann. Niemand sonst. Dafür braucht es eine entsprechende Kultur, die Offenheit, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Vertrauen beinhaltet. Auf Deutsch eine egofreie Zone.

Das ist der Raum, in dem man bereit ist, etwas zu tun. Nur was, wenn es diesen Raum nicht gibt? Und da beginnt sich das Ganze im Kreis zu drehen. Bis einer die Faxen dicke hat und den erlösenden Satz sagt: STOP! So geht das nicht! Aber das ist leichter gesagt als getan. Wir hatten uns einmal über die ‚Praktik‘ vieler Kindergärten unterhalten, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter immer als ‚Berufsanfänger‘ einzustellen – egal wieviel Berufserfahrung sie tatsächlich haben. Warum funktioniert das? Natürlich sind die Chefs schuld, die so etwas machen. Aber auch die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Die müssen nämlich alle nur eines machen: Nicht mitmachen. Nein sagen, so nicht. Nicht zu diesen Bedingungen. Aber, wie gesagt, das sagt sich leicht. Es gibt nämlich immer noch einen oder eine, die auf diesen unfairen Deal eingeht.

Exakt das selbe Spiel. Auf wen soll man also schimpfen? Auf die Chefs? Oder auf die, die sich mehr oder weniger korrumpieren lassen und keinen Klartext reden? Jeder Mensch hat, das ist meine Überzeugung, das Sinn-Gen. Jeder sehnt sich nach einem sinnenhaften Leben. Aber, so Frankl, ‚Im Gegensatz zum Tier sagt dem Menschen kein Instinkt, was er muss, und im Gegensatz zum Menschen in früheren Zeiten sagt ihm keine Tradition mehr, was er soll, und nun scheint er nicht mehr recht zu wissen, was er eigentlich will. So kommt es, dass er entweder nur will, was die anderen tun – und da haben wir den Konformismus – oder aber er tut nur, was die anderen von ihm wollen, und da haben wir den Totalitarismus.‘ Und schon haben wir den Schlamassel.

Denn, so Frankl weiter ‚Wir müssen lernen und die verzweifelnden Menschen lehren, dass es eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: Was das Leben von uns erwartet.‘ Und wenn es um die Frage nach dem Sinn geht, fällt mir immer sofort der Text von Nikolaus Gerdes ‚Der Sturz aus der normalen Wirklichkeit und die Suche nach Sinn‘ ein. Dazu kommt mittlerweile die erfreuliche Botschaft, dass wir definitiv wissen, woran das liegt, nämlich an einem schlichten Wahrnehmungsfehler. Und damit ist klar, wie wir das Problem lösen können.

Bei Steven Harrison klingt es in seinem Buch ‚Was kommt?‘ immer noch ein bisschen nach erhobenem Zeigefinger, wenn er schreibt ‚Ein Kind vermag das ganze Universum in sich aufzunehmen und es in Wachstum und Intelligenz zu verwandeln. Herkömmliche Erziehung ist derart auf Resultate fixiert, dass in diesem Rahmen weder Lehren noch Lernen möglich sind. Erziehung ist eine Einschränkung der freien, unbändigen Energie der Kindheit.‘ Oder nehmen wir Religionen und viele spirituelle Traditionen – sie alle kommen, jedenfalls gilt das für viele, immer noch mit einem mehr oder weniger deutlich erhobenen Zeigefinger daher, der leicht in Moral und Ethik getunkt wurde. Irgendwie schwingt doch die Idee mit, was eben richtig ist und was nicht, was man tun soll und was nicht.

Aber die Zeiten der Gebote und Verbote sind wirklich vorbei. Brauchen wir auch nicht mehr, denn mittlerweile haben wir klare wissenschaftliche Erkenntnisse, die uns sagen, was zu tun wäre. Aber, dazu muss sich jeder Einzelne entschließen, das ‚den Anderen‘ par ordre di mufti zu verordnen oder verordnen zu wollen – das funktioniert nicht. Jeder muss für sich damit anfangen. Wie gesagt, es ist eigentlich einfach. Aber man muss damit anfangen. Bei sich. Wie sagt doch Victor Frankl? ‚Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.‘ Das alles ist weniger ein theoretisches Problem, sondern eher ein praktisches:

Man muss die Notwendigkeit erkennen und schlicht und einfach konsequent sein. Bevor man jedoch nicht verstanden hat, dass jeder selbst etwas tun und eben konsequent sein muss, solange bleibt es nur Gerede.

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