Verständnis oder Empfindung – was ist entscheidend?

Natürlich das Empfinden. Etwa bei Zeit. Aber ist das auch richtig?

Diese Frage tauchte in meinem Kopf auf, als ich früh im Bett über Zeit nachdachte. Ich hatte ja während des Schlafes genug Zeit mir so meine Gedanken darüber zu machen.

Ich beschäftige mich gerade intensiver mit Quantenphilosophie. Dabei kamen wir kürzlich auf das Phänomen ‚Zeit‘. Das ist ja nun keine feste Größe, sondern verändert sich, etwa, wenn ich mich entsprechend schnell bewege. Also sie, die Zeit, verändert sich immer, wenn ich mich bewege, so wie ich mich auch durch den Raum bewege. Das mit dem Raum kann ich erleben, das mit der Zeit aber nicht. Die folgt in meinem Erleben einer anderen Struktur, tatsächlich aber folgt sie ganz anderen Gesetzmäßigkeiten.

Was aber nichts daran ändert, dass es eben genau anders ist, als ich es empfinde. In dem Zusammenhang viel mir ein, dass unser Zeitempfinden ja sehr unterschiedlich ist. Ich habe mal gelernt, dass Menschen aus – von uns aus gesehen – einem östlichen Kulturkreis Zeit ganz anders erleben als wir im Westen. Aber kommt es darauf an, wie wir Zeit erleben, wie wir sie also empfinden – oder kommt es nicht eher darauf an, was Zeit tatsächlich, also physikalisch ist und wir uns erst dann Gedanken über Zeit machen können?

Also bei dem Raum, in dem ich mich bewege, ist das klar. Wenn ich den unrealistisch einschätze oder vielleicht sogar völlig irreal empfinde, dann sollte ich mir doch noch einmal überlegen, ob ich wirklich mit dem Motorrad wegfahren oder nicht doch lieber zuhause bleiben soll. Da kommt es dann wohl doch eher nicht darauf an, wie ich persönlich Raum und Zeit empfinde, sondern wie sie tatsächlich im Kontext meiner Lebensform sind. Eintagsfliegen gehen mit Zeit sicherlich anders um als wir Menschen.

Wenn ich das gedanklich noch etwas weiter spinne, dann komme ich etwa auf Kaizen. Kaizen ‚funktioniert‘ bei uns im Westen ja meist nicht so richtig, einfach weil wir die entsprechende und dafür notwendige Kultur nicht haben. Kaizen entstammt ja einer spezifischen Kultur und existiert nicht irgendwie freischwebend im kulturlosen Raum. Ich brauche also ein entsprechendes Weltbild und Weltverständnis, um Kaizen anwenden und umsetzen zu können. Eine Methode alleine ohne die Grundlage ihrer Kultur ist von vorne herein zum Scheitern verurteilt.

Manche Methoden funktionieren ja auch wunderbar. Doch heißt das auch, dass sie stimmig wären? Sicher sind sie das im Verhältnis zum eigenen Weltverständnis. Doch das umfasst ja auch das eigene Selbstbild. Was aber, wenn ich dabei einem gewaltigen Irrtum aufsitze – bedeutet das nicht zwangsläufig, dass auch meine wunderbaren Methoden damit eigentlich kontraproduktiv sind?

Alle Methoden, wozu auch mein Verständnis von Zeit gehört, oder wie ich etwas lerne, denn dem liegt mein Verständnis darüber zugrunde, wie ich mein Gehirn organisiere, alle Methoden und Konzepte sind untrennbar mit meinem Welt- und Selbstbild verbunden, sie basieren ja darauf. Dumm nur, wenn das nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt, denn dann schneide ich ich von meinen eigenen Möglichkeiten ab. Was aber nicht bedeutet, dass ich irgend etwas objektiv feststellen könnte. Aber das heißt definitiv nicht, dass alles ‚nur‘ subjektiv wäre. Ganz schön vertrackt, nicht?

Bevor ist also etwas als ‚so und nicht anders‘ empfinde, sollte ich erst einmal mein diesbezügliches Verständnis unter die Lupe nehmen. Und ich fange jetzt mit der Zeit an. Wissen tue ich ja schon seit der Schule, dass, wie Albert Einstein mal sagte, Zeit das ist, was man an der Uhr abliest. Aber das ist eben ein Scherz. Nur wir gehen genau so mit Zeit um. Vielleicht ein Fehler, der uns Gestaltungsmöglichkeiten nimmt?

Grund genug, sich einmal mit etwas so scheinbar Selbstverständlichem wie ‚Zeit‘ zu beschäftigen.

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