Der Kontext macht die Musik nicht. Aber er bestimmt, ob sie passt oder eben nicht.

Die Frage dabei ist: Definieren wir den Kontext oder definiert er uns?

Stellen Sie sich einmal vor, ich wäre in den 80er Jahren als Anwalt in einer löchrigen Jeans, einem Sweatshirt und einem schlabbrigen Pullover in den heiligen Hallen des OLG aufgetaucht. Was denken Sie, wieviele Prozesse ich gewonnen hätte? Ich erinnere mich noch an meinen ersten Auftritt am OLG Bamberg. Ich glaube, wenn ich es gewagt hätte, mich hinzusetzen, ich hätte das Verfahren glatt verloren. Ein Gericht sollte man sich nicht zum Feind machen. Also blieb ich stehen. Es hätte auch zu komisch ausgesehen, wenn ich versucht hätte, hinter dem Stehpult hervorzuschauen. Und nach Späßen sahen die Herren in ihren Roben nicht aus.

Und so geht es wohl den meisten Berufstätigen. Der Job und die Menschen, mit denen man zu tun hat, definieren den Kontext, in dem man sich bewegt. Und dann spielt man eben Klassik und kein Hip-Hop. Oder umgekehrt. Im privaten Umfeld spricht man dann eher von Kinderstube. Gelernt ist gelernt. Oder man macht genau das Gegenteil. Aber Trotz und Treue sollen ja das gleiche Lied singen. Der Kontext, in dem wir uns persönlich bewegen, was wir also anziehen, wie wir die Wohnung einrichten, ob wir einen Thermomix haben, ob wir Fleisch essen oder doch lieber vegan, italienisch oder doch lieber Hausmannskost, wie wir reden und worüber, und so weiter und so fort – all das ist ‚unsere‘ Kultur. Mit anderen Worten der Kontext, der definiert, was für uns passt und was nicht.

Aber, Hand auf´s Herz: Wer macht sich darüber schon einmal ganz bewusst Gedanken? Ich wage zu behaupten, dass das die allerwenigsten tun. Meist ist es eine Adaption aus Elternhaus, Beruf, Freundeskreis, Wohnort, Nachbarschaft und noch ein paar andere Einflussfaktoren. Den Partner suchen wir uns meist passend dazu. Also jedenfalls die Akzeptanz der Eltern bezüglich der Partnerwahl hat direkt etwas damit zu tun. Also meistens. Da wird es nichts mit ‚unserer ganz privaten und selbst definierten‘ Kultur. Auch wenn wir denken, es wäre so. Demnach stimmt der letzte Satz im vorherigen Absatz nicht. Das ‚für uns‘ gehört weg. Stimmt einfach nicht.

Also dann, nehmen wir es selbst in die Hand. Definieren wir unseren Kontext selbst. Oder Kultur, wenn Ihnen das lieber ist. Doch bevor wir anfangen, das Dekomaterial einzukaufen, sollten wir uns erst einmal überlegen, was wir in unserem Leben eigentlich wollen. Doch das ist gar nicht so einfach. Angenommen, ich will eigentlich (!) wie ein Zen-Mensch leben, heißt das jetzt, dass ich meine Wohnung im japanischen Colorit gestalten muss? Nein, das heißt es nicht. Denn vor der Kultur kommt noch etwas anderes. Die grundlegenden Prinzipien. Nicht, dass man die unbedingt schon verinnerlicht haben muss, aber kennen muss man sie schon. Und man darf sie auch nicht anziehen wie einen Anzug, sonst sieht man so aus wie manche Büroangestellten aussehen, wenn sie das Büro verlassen. Irgendwie wie in dem Film Brave New World.

Die Antwort finden wir interessanterweise bei dem selben Autor, Aldus Huxley. Er hat ein Buch geschrieben, Die ewige Philosophie: Philosophia perennis, in dem er die Voraussetzungen für Freiheit und Eigenständigkeit beschreibt. Und damit es kein Traum bleibt, muss man sich jetzt überlegen, wie man den Kontext gestalten will, damit man da auch sicher hinkommt. Denn dieser Kontext bildet die Landkarte und den Navigator unseres Lebensschiffes. Das Steuer müssen wir aber schon selbst bedienen, uns wirklich keinen Moment treiben lassen und nicht (wie sonst so üblich) einfach auf Automatik schalten.

Als ich meinen Segelschein vor der kroatischen Küste machte, hatten wir ordentlich Wind, aber schwer zu händeln. Mistral und Bora gaben sich zumindest gefühlt die Ehre für ein wildes Tänzchen. Auf Automatik geschaltet hätten wir den Kahn locker versenkt. Warum aber um Himmelswillen leben dann die meisten Menschen genau so? Auf Automatik? Und andere sagen, wo es lang geht? Da werden Sie mir zustimmen: Das ist definitiv verrückt. Also lebe ich nach den Prinzipien, wie Aldus Huxley sie beschreibt. Aber nochmal: Warum machen das nicht alle? Ich denke, einfach deshalb, weil es da nur um einen selbst geht. Das Ego muss da leider draußen bleiben.

Da gibt es nichts zu werden, nichts bekommt man. Nur die unverstellte Erkenntnis, wie man wirklich ist. Aber ist das nicht genau das, worum es geht? Sein, der man ist?

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